Wortwechsel zum Thema Laizität in The Gap 100

11 Oct
2009

Mit der Fragestellung “Laizität: Richtiger Schritt oder Rückfall in die Aufklärung?” holte The Gap in der Rubrik Wortwechsel (wird verlinkt, sobald das auf thegap.at mal irgendwann online sein wird) Statements zum Thema ein. Erich Leitenberger von der Erzdiözese Wien verpasste die Deadline für die Abgabe seines Textes. Abgedruckt wurden daher nur Beiträge von Schlomo Hofmeister (Gemeinderabbiner von Wien), Cahit Kaya (Zentralrat Ex-Muslime Österreich), Carla Amina Baghajati (Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich) und mir. Von meinem Text wurde der ungekürzte Draft verwendet. Warum auch immer… Hier ist die gekürzte, letzte Version:

Staat und Religion: Zwei konkurrierende Systeme

Ist es für die Religionsfreiheit wirklich notwendig, dass die 14 staatlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften Sonderrechte ausüben dürfen? Privilegien führen automatisch zur Diskriminierung der Nichtprivilegierten – in diesem Fall Andersgläubige und Nicht-Gläubige. Ist es vertretbar, dass die Republik Österreich Menschen nach gesetzlich anerkannten und nicht anerkannten Weltanschauungen kategorisiert?
Staat und Religion sind entgegen aller inszenierter Harmonie konkurrierende Systeme. Religionen haben eigene Gesetze, Gebote und Verbote, die oft weder im Einklang mit moderner Staatsführung noch mit Naturgesetzen stehen. Solange religiöse Handlungsanleitungen im Rahmen der persönlichen Freiheit vollzogen werden, ist das auch kein Problem. Wer glaubt in die Hölle zu kommen, wenn er am Freitag Fleisch isst oder bei Tageslicht Wasser trinkt, möge das bitte weiter tun, aber der Spaß hört spätestens dort auf, wo diese Rituale zur Vorschrift werden. Wenn Frauen glauben, sich aus freien Stücken verhüllen zu müssen, geht das niemanden etwas an, aber was, wenn sie es tun müssen? Während manche gesetzliche Privilegien (Kreuze in Gerichtssälen, steuerliche Absetzbarkeit des Kirchenbeitrags, u. v. m.) vielleicht noch irgendwie toleriert werden können, muss spätestens beim Eingriff in unser Bildungssystem eine klare Grenze gezogen werden. Kinder werden nicht religiös geboren, sondern religiös erzogen. Es gibt keinen Grund Kinder nach der Weltanschauung der Eltern zu schubladisieren und die Lehre von Ritualen, als Bildung getarnt in die Schulen zu schleusen. Bildung dient dem Erwerb von Wissen, ein Prozess, der von gesunder Skepsis und kritischem Hinterfragen begleitet werden soll, während Religionsunterricht Glaubensinhalte ohne jede Überprüfbarkeit vermittelt.
Verdienen Religionen bevorzugte Behandlung? Ein schlichte Fragestellung, die kaum diskutiert werden kann, ohne dass sich Empörung breit macht. Religionen immunisieren sich sogar per Gesetz mit dem §188 StGB („Blasphemieparagraph“) und gesellschaftlich gerne mit dem Verweis auf die Privatheit des Glaubens. Freilich endet dieser Rückzug ins Private sofort, wenn gefordert wird, die Religion dann ausschließlich dort stattfinden zu lassen.
Religionsfreiheit kann nicht darin bestehen, Privilegien zu beanspruchen. Nur Laizität, die konsequente Trennung von Religion und Staat, garantiert allen die Freiheit gemäß ihrer Weltanschauung zu leben, ohne diskriminiert zu werden, unter Einhaltung jener Gesetze, die für alle gleichermaßen gelten.

1 Response to Wortwechsel zum Thema Laizität in The Gap 100

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fatmike182

October 12th, 2009 at 13:51

Jaja, Toleranz, Religion und Medien – die oxymoronische Dreifaltigkeit…
Neben der ansonsten romantischen – da ohnehin oft vorgefiltert oder gutgeredet – Harmonie in Printmedien war es erfreulich am So in Orientierung (ORF2) einen Beitrag über die CIVIS Dialoge zu sehen: http://religion.orf.at/projekt03/tvradio/orientierung/or_091011.htm#02

Dort wurde eine Studie erwähnt, die Ehschongedachtes nur bestätigt: (sinngemäß, statistisch) Atheisten sind weltoffener und toleranter als jene Leute, die von sich behaupten religiös zu sein. Allerdings gibt es noch die extrem kleine Minderheit, die streng Religiösen, die eine ähnliche Attitüde wie Atheisten an den Tag legen.
Scheinbar handelt es sich bei den angesprochenen Zuständigen lediglich um “Religiöse”, keinesfalls aber um die toleranten strenggläubigen Nichtmissionare. Komisch, dass das aber lt. der Statistik auch bei den Kirchenvertretern durchwegs der Fall ist.
Leider habe ich auch auf der Website der Veranstaltung keinen Link auf die Studie gefunden (warum bloß?)

“Kinder werden nicht religiös geboren, sondern religiös erzogen. Es gibt keinen Grund Kinder nach der Weltanschauung der Eltern zu schubladisieren und die Lehre von Ritualen, als Bildung getarnt in die Schulen zu schleusen.”
nichts hinzuzufügen

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