Die aktuelle Besetzung des #Audimax ergibt eine schöne Möglichkeit (massen)mediale Berichterstattung, Social Media Kommunikation und tatsächliche Eindrücke vor Ort abzugleichen. Konsequenterweise musste ich gestern vor Ort (partielle Temporärsolidarität) nachschauen, ob meine Uni wirklich brennt. Ungeachtet der Inhalte des Protests, drängt sich die Frage auf: Erleben wir hier Politics 2.0?
Hier ein paar Eindrücke und schlicht formulierte Anmerkungen.
“If the news is important, it will find me”
Als letzten Donnerstag der Audimax besetzt wurde, erreichte mich die Information über den Standard schneller als über Twitter. Entweder war @Zielina auf Zack oder die 2.0 Kanäle waren noch nicht so richtig ausgewaschen. Das veranlasste mich zu folgendem Tweet:

Zu diesem Zeitpunkt eine noch berechtigte Anmerkung – eine Suche nach #unibrennt lieferte kaum Ergebnisse -, aber ich wurde schnell eines besseren belehrt. Die Kommunikation und der der offizielle Besetzungstwitteraccount @unibrennt nahmen unter heftigen RTs Momentum auf.
Hahnverhaltung (© Klaus Werner-Lobo)
In der ZiB2 des folgenden Tages (Freitag) war BM Hahn zu Gast, der untertags zumindest noch gerüchteweise mit den Studierenden sprechen wollte. Dass er das dann tatsächlich nicht getan hat, halte ich für einen Riesenfehler. Die Art und Weise, wie er das in der ZiB 2 sinngemäß kommentiert hat, “Die Damen und Herren mögen sich entschließen, was sie eigentlich wollen.” kann nur mehr mit #fail kommentiert werden. Hahn wollte den Besetzer_innen einfach die Legitimation absprechen und diese an die ÖH delegieren. Faktum ist: die ÖH spielt bei dieser Besetzung, aus welchen Gründen auch immer, (noch) keine Rolle und tatsächlich haben wahrscheinlich schon mehrere tausend Menschen zumindest teilweise an der Besetzung teilgenommen. Dieses Nicht-Anerkennen des Gegenübers erinnert mich ein bisschen an Despoten, die das Gericht nicht anerkennen wollen, wenn ihnen der Prozess gemacht wird. Dass es ihm die Besetzer_innen durch die Nicht-Nominierung von konkreten Ansprechpersonen nicht unbedingt leichter gemacht haben, darf keine Ausrede sein. Hahn hätte einfach ins Audimax kommen sollen. Diese Chance hat er vorerst ausgelassen.
Flashmob-Party und Voodoo-Ideologie im Audimax (© Michael Fleischhacker)
Generell wird der Protest von außen eher polemisch bis negativ kommentiert. Bei Michael Fleischhacker “Logik statt Twitter” braucht uns das nicht zu wundern. Etwas überraschender, wenn auch nachvollziehbar, finde ich die Solidaritätsverweigerung via Twitter (auch von Absolvent_innen dieser) Uni. Nachvollziehbar, weil niemand mehr den Solidarisierungsoverkill der Twitterthemen mitmachen kann und will. Nahezu jede Woche werden hysterisch Trending Topics aufgerufen und Hashtagorgien abgefeiert, sodass sich schön langsam die ersten Ermüdungserscheinungen breit machen. Und natürlich beweisen die Studierenden im Audimax mit ihren Livestreams inkl. Partyszenen nicht unbedingt immer Geschick in der Formulierung ihrer Anliegen. Die sofortige Aufhebung des Rauchverbots in öffentlichen Gebäuden als eine der ersten Prioritäten ist dann doch ein wenig kindlich. Die gelegentliche Kifferei der Desinteressierten, die lieber im Quergang lungern als im Plenum zuzuhören, riecht zwar niemand im Fernsehen, aber sie verstärkt dennoch kontraproduktive Klischees. Aber egal:
Grund genug sich ein Bild vor Ort zu machen







Es ist zivilisiert. Die Mistkübel quellen über, aber der Müll ist ungefähr dort, wo er hingehört. Im Quergang des Audimax haben sich ein paar Pamphletiere mit ihrer link(sradikal)en Propaganda breit gemacht. Wenn hier schon der Flair des Volksstimme-Fests um sich greift, hätte ich gerne auch das Ottakringer-Zelt und den gebratenen Ochsen. Das Gros der Anwesenden ist tatsächlich im Audimax beim Plenum und hört sich brav an, was die ordentlich Anstellenden nach der Reihe von sich geben. Völlig wertfrei festgestellt: 5 der ersten 7 Sprecher_innen sind offensichtlich Deutsche. Das ist zumindest bemerkenswert, ohne es hier interpretieren zu wollen. Die Forderungen, ausgearbeitet in Arbeitsgruppen, werden nach der Reihe vorgetragen und live (per Beamer) mitprotokolliert. Jetzt wird die eigentliche Leistung des Protests evident: Hier haben ein Haufen Menschen, die sich vorher noch nicht organisiert hatten und höchstwahrscheinlich nicht kannten, binnen 2-3 Tagen einen Organisationsgrad (Update: siehe dazu Helge “Die Uni brennt nach Ameisenart“) erreicht, der wirklich ergebnisorientiert arbeitet. Das alleine verdient Respekt zumal die Ausformulierung der Forderungen mittlerweile auch einen Verständlichkeitsgrad erreicht, der diskutiert werden muss.
Mühle-Auf-Mühle-Zu-Politik (© Martin Blumenau)
Martin Blumenau bringt es in seinem Journal schön auf den Punkt, wenn er schreibt:
Denn das ist gerade angesichts der schwelenden Debatte über die Farblosig-, Antriebslosig- und Geistlosigkeit der jungen Generation eigentlich eine Unverschämtheit: da nehmen sie einmal das Heft des Handelns in die Hand, stoßen eine Debatte an, formal schlau, inhaltlich in jedem Fall diskussionswert, und müssen sich dann erst recht wieder mit irgendwelchen altlinken Klischees bewerfen lassen, wiewohl sie damit genau gar nichts am Hut haben.
Hier machen es sich die Definitionsmächtigen dieser Debatte unglaublich leicht. Und: es ist egal, wie die Jungen agieren oder reagieren: entweder sie sind pomadig und handlungsunfähig, oder sie sind vorschnell und allzu aktionistisch. Diese Mühle-Auf-Mühle-Zu-Politik der Altvorderen ist eine Frechheit.
Fazit: Dieser Protest ist jung und darf sich noch entwickeln. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, die Website auf einen Status gebracht wird, der als öffentliches Medium die Forderungen zusammenfasst und zeitgemäß kommuniziert, dann wird es nicht lange dauern und Johannes Hahn hat ein Gegenüber, das er nicht mehr einfach so ignorieren kann. Wir erleben in kleinem Rahmen gerade, wie das Versprechen Politics 2.0 eingelöst wird. Die Parteipolitik sieht weitgehend stumm zu und hat das Nachsehen.
Irgendwas davon oder alles ist der richtige Link zum Protest:
11 Responses to Hurra, hurra die #unibrennt – Politics 2.0
LorenzH
October 25th, 2009 at 12:09
Schöner Kommentar! Die unibrennt-Seite wurde mittlerweile neu gestaltet: http://audimax.ie.bagru.at/ sehr ansprechend, wie ich finde.
luc
October 25th, 2009 at 13:31
guter artikel
Das geheime Netzwerk der Studierenden | PHSBLOG.AT - Philipp Sonderegger blogt.
October 25th, 2009 at 21:21
[...] in wenigen Tagen mit dem Prinzip Netzwerk an Organisationsgrad erreicht wurde, ist erstaunlich, wie Niko Alm richtig [...]
» Die Uni brennt nach Ameisenart · Helge's Blog
October 25th, 2009 at 22:49
[...] hoffe ich, die Studis im besetzten Audimax lassen sich nicht unterkriegen! Aktuelle Eindrücke bei Niko Alm. Categories: Main Blog, Politics, Social Software, Wikis & [...]
Niko
October 26th, 2009 at 05:37
danke für den interessanten artikel.
ein kleines update: unsere neue homepage ist online, zu finden unter http://www.unsereuni.at
morgen übrigens echt tolles programm bei uns im audimax: fritz keller, christian felber, robert menasse und klaus werner-lobo werden am nachmittag im audimax sprechen! das genaue programm findet ihr auf der homepage. wir freuen uns über alle besucherInnen!
liebe grüße aus dem (übernachtigen) audimax!
niko und das presseteam
Holy Moly » Blog Archive » Politik 2.0 und die UNI brennt
October 26th, 2009 at 06:38
[...] aber vorerst findet man recht umfangreiches Informationsmaterial in einem Beitrag von @NikoAlm : “Hurra, hurra die #unibrennt – Politics 2.0” Martin Blumenau bringt es in seinem Journal schoen auf den Punkt, wenn er [...]
chris
October 27th, 2009 at 22:58
tolle analyse.
im nachhinein scheint verständlich, dass sich bm hahn nicht mit den studenten unterhalten will. wie lange weiß er schon von seiner weglobung nach brüssel?
#unibrennt Nr.2 | Alte Knacker
October 27th, 2009 at 23:28
[...] Alm [...]
Aufruf aus Österreich « P O L I T E I A
October 29th, 2009 at 14:03
[...] Hurra, hurra die #unibrennt – Politics 2.0 [...]
#unibrennt: eine Würdigung und nüchtern betrachtete Szenarien « g u e n s b l o g
November 2nd, 2009 at 13:10
[...] Sachen Politics 2.0. sehr empfehlenswerte Beiträge von Jana Herwig auf digiom, Helge, Luca Hammer, Niko Alm und Philipp Sonderegger. Auch Misiks aktuelle Standard TV Folge beschreibt vieles [...]
Protest 2.0 in The Gap 102 über #unibrennt, #GrueneVW und den Hashtag
December 3rd, 2009 at 13:00
[...] Meine ersten Eindrücke am 24.10. [...]