Wer braucht noch Musikmedien?

7 Dec
2009


Dieser Text erscheint als Vorwort im neuen Musikatlas 2010.

Es handelt sich daher (wie so oft hier) nicht um ein Stück Theorie.

 
Wer braucht noch Musikmedien?
Die Branchen überleben an den Extremen. Die Parallelen zwischen Medien und Musik.

Überraschung! Die Musikindustrie hat sich in den letzten 15 Jahren massiv geändert. Nein, andersrum: Die Musikindustrie ist in den letzten eineinhalb Jahrzehnten gewaltsam und gegen größten inneren Widerstand geändert worden und zwar von denjenigen, die den Geldhahn zugedreht haben, von den Konsumenten. Was dazu geführt hat, ist mittlerweile einfach erklärt: Die gehandelte Ware, auf Tonträgern verpackte Musik, wurde schlicht und einfach ihres Trägermediums entledigt und digital praktisch kostenlos verteilbar gemacht. Eine Zeit lang versuchte die Industrie mit Nutzungsrechten, Kopierschutz, etc. die Vervielfältigung zu unterbinden und verschwendete sehr viel Energie damit, eine geänderte Realität mit rechtlichen Mitteln bekämpfen zu wollen. Dieser Kampf befindet sich in den letzten Zügen, während sich natürlich schon die Gewissheit durchgesetzt hat, dass die Erlöse nicht mehr aus dem Verkauf von Musik im eigentlichen Sinn kommen werden. Musik muss richtig verpackt werden: als hoch qualitatives, leicht auffindbares Audiofile, als schön gestaltetes Sammelwerk in Form einer CD oder sogar Vinyl, aber auch als Konzert, als künstlerische Auffettung von faden TV-Serien und aufregenden Werbespots bzw. umgekehrt. Schlussendlich liegt es an den Künstlern selbst bzw. den vermarktenden Rechteinhabern mittels Musik Aufmerksamkeit zu schaffen, die verkauft werden kann.
Was für die Musikindustrie gilt, ist auch auf die Musikmedien anzuwenden, deren traditionelles Vertriebsmodell v. a. in Bezug auf Print, aber auch TV nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Radio wurde ohnehin schon lang vom Fernsehen in seine Nische zurückgedrängt, hält sich dort aber auch stabil. Ein Printmedium kann punkto Aktualität mit Online natürlich nicht mithalten, ganz zu schweigen von der Möglichkeit Musik(videos) überhaupt gleich abspielbar mitzuliefern. Jede Neuigkeit, jeder Gossip zu allen Künstlern der Welt ist binnen Mikrosekunden via Suchmaschine auffindbar. Jeder Künstler kann ganz direkt mit seinen Fans kommunizieren und es gibt auch solche, auch ganz oben, die das wirklich beherrschen.
Brauchen wir hier noch Musikmedien, wenn es diesen unmittelbaren Kanal gibt? Eine nicht ganz rhetorische Frage, denn natürlich gibt es das Bedürfnis nach gutem Journalismus, einem dritten Blickwinkel, einer gut herausgearbeiteten Hintergrundgeschichte, einem intelligent geführten Interview. Und es gibt offensichtlich im Markt auch die Sehnsucht nach Claqueuren, Jubelmedien, die unreflektiert die PR-Texte abtippen, seichte Interviews mit überdimensionalen Fotos kombinieren und so release-getrieben agieren, als gäbe es kein Gestern.
Die Zwischenform des Informationsjournalismus ist im Begriff den Überlebenskampf zu verlieren. Die Flut der generalistischen Spartenmagazine ist ins Digitale emigriert. Die beiden oben genannten, extremen Ränder brauchen sich derzeit nicht übertrieben sorgen, denn sie bedienen auf der einen Seite die Musikverbraucher, die im wörtlichen Sinn von kurzlebiger Begeisterung getrieben an der Oberfläche schwimmen und jene, die tiefer eintauchen und den Sammel- und Wissenstrieb der Musikliebhaber adressieren.

Comment Form


top

google